Spieltechniken

 

1. Techniken der Klangerzeugung und -dämpfung

Mit Handglocken können erstaunlich unterschiedliche Klangfarben erzeugt und Lautstärken gespielt werden:

Ring

"Ring" nennt man die übliche Anschlagtechnik: Die Glocke wird mit der Öffnung nach oben und der Schlaufe nach unten waagerecht gehalten und vom Körper wegbewegt. Dieser Impuls läßt den Klöppel an der dem Körper abgewandten Seite den Glockenkörper berühren. Der Ton erklingt entsprechend dem erwünschten Notenwert so lange, bis die Glocke am Oberkörper abgedämpft wird.

 

Pluck

Pluck-NotenSprich: Plack. Ein trockenes "Plock" erschallt, wenn die Glocke auf dem Tisch liegt und der Klöppel mit dem Daumen unter Spannung gebracht und nach unten geschleudert wird. Kleine Punkte unter der Note zeigen Pluck-Stellen an. Bei komplizierteren Notenbildern ist es oft gar nicht so einfach, während des Spiels diese Punkte zu entdecken, sie von den Notenwert-Punkten zu unterscheiden und zu erkennen, welche Note mit welcher Technik gespielt wird. Violinschlüssel-Glocken spielen 'TD' (s.u.), wenn unter der Note ein Punkt erscheint.

 

TD (Daumendämpfung)

Spaßeshalber "Taumen-Dämpfung" oder, wie uns die Aschaffenburger berichten, auch "Taumen drauf" genannt. Während die Glocke angeschlagen wird, liegt der Daumen am unteren Teil des Glockenkörpers an und dämpft dadurch den Ton so ab, dass er leiser erklingt und kaum nachhallt. Diese Technik kann nur bei den kleineren Glocken angewendet werden. Wenn bei größeren Glocken ein ähnlicher Effekt erzielt werden soll, muss die 2. Hand die Glocke ganz umfassen.

 

RT (Ring-Touch)

Die Glocke wird nahe der Schulter angeschlagen und unmittelbar danach am Körper abgedämpft. Dadurch erklingt ein staccato-artiger Ton.

 

Martellato

Martellato-NotenBei dieser Spielweise wird die Glocke auf den gepolsterten Tisch geschlagen, wenn in den Noten ein schwarzes, auf den Kopf gestelltes Dreieck darauf hinweist. Wird das Dreieck von einem Pfeil nach oben gefolgt (wie im Notenbeispiel die halben Noten), so zieht der Spieler die Glocke sofort nach dem Anschlag auf dem Tisch wieder nach oben und dämpft sie nach Ablauf des Notenwertes am Köper ab.

 

 

Shake

Shake-NotenVor allem die hohen Glocken werden manchmal so gespielt, wie sich das mancher Laie vorstellen mag: In der gleichen Spielhaltung wie beim "Ring" wird die Glocke hin- und hergeschüttelt, so dass ein anhaltendes, gleichmäßiges Bimmeln erklingt. Die gewellte Linie zeigt an, welche Glocken "shake" spielen sollen.

 

 

Back-Ringing

Normalerweise ist die Klöppelspannung so eingestellt, dass der Klöppel leichter an einer als an der anderen Seite der Glocke anschlägt, d.h. es gibt eine "richtige" und "falsche" Anschlagrichtung. Der Spieler erkennt die "richtige" Anschlagseite der Glocke an einer kleinen Markierung auf dem Griff. Back-ringing bedeutet, dass der Klöppel den Glockenkörper an der entgegengesetzten Seite berührt. Dies kann darauf zurückzuführen sein, dass der Klöppel bei sehr lautem Spielen zurückspringt und nicht in der Mitte der Glocke wieder zur Ruhe kommt.
Es kann jedoch auch eine erwünschte Spieltechnik sein: Zum einen beim Shake, zum anderen beim Spielen von Achtelnoten, insbesondere mit Bassglocken. Aufgrund der relativ langen Wege des Klöppelkopfes durch die Glocke kann es vor allem bei mehrmaligem, schnellen Anschlagen des gleichen Tones von Bassglocken nötig sein, die Back-ringing-Technik einzusetzen. Idealerweise müsste für das Back-ringing die Klöppelspannung so eingestellt sein, dass der Klöppel sich im Ruhezustand genau in der Mitte der Glocke befindet und zu beiden Seiten auf den gleichen Widerstand trifft. Nur so ist ein gleichmäßiges Back- und Forward-Ringing möglich. Problem: Die Klöppelspannung wird mit Hilfe eines Schraubendrehers reguliert und kann daher nicht innerhalb eines Stückes verändert werden. Und so kann es, wenn der Klöppel mittig positioniert ist, bei normalem 'Ring' leicht zu unerwünschten Doppelanschlägen kommen.

 

Mallet

Liegende oder auch hochgehobene Glocken können wie ein Xylophon mit Schlägeln, sogenannten Mallets, angeschlagen werden. Während für tiefe Glocken eher weiche, große Schlägel vorgesehen sind, werden für die kleineren Glocken härtere benutzt.

 

Klangfarbe

Der Klöppel im Innern der Glocke hat eine festgelegte Anschlagrichtung, d.h. er kann nur vor- und zurückschwingen, trifft also an 2 entgegengesetzten Punkten auf den Glockenkörper. Bei den Baßschlüssel-Glocken kann er durch Drehen auf 3 verschiedene Klöppel-Materialien eingestellt werden: Trifft der Vollgummi-Bereich auf die Glocke, so wird ein harter, fast blechern klingender Ton erzeugt. Berührt der ausgehöhlte Gummi-Bereich die Glocke (=Standardeinstellung), entsteht ein mittellauter Ton. Wird der Klöppel dagegen so gedreht, dass seine Filzseite am Glockenkörper anschlägt, entfaltet sich ein recht leiser, sanfter, weicher Ton.

 

Lautstärke

Die Lautstärke wird zum einen durch die ausgewählte Klöppelstellung (Klangfarbe) bestimmt. In erster Linie wird die Dynamik jedoch über die Anschlagstärke variiert. Bei großen, schweren Glocken kann dies insbesondere bei kurzen Notenwerten einen erheblichen Krafteinsatz erfordern. Noch schwieriger sind jedoch die leisen Töne: So kann es schon einmal vorkommen, dass bei aller Zurückhaltung im Anschlag der Klöppel nicht den Grundwiderstand überwindet und daher einfach kein Ton erklingt. Instinktiv schaut man verwundert in die Glocke, wo der Ton denn steckengeblieben ist...

 

Gyro/Gyrate (Schwingen der Glocke)

Nicht nur der Anschlag selbst kann variiert werden, auch ein bereits klingender Ton wird manchmal durch weitere Techniken beeinflußt: Z.B. kann die klingende Glocke an der Hälfte vorbei zurück- und vorgeschwungen werden. Oder die Glocke wird durch eine Rotation im Handgelenk im Kreis gedreht.

 

Echo

Ein An- und Abschwellen des Tones wird dadurch erreicht, dass der Rand der klingenden Glocke leicht den Schaumstoff berührt und dann wieder hochgehoben wird. Dadurch kommt es zu einer schwachen Abdämpfung, anschließend entfaltet sich der Ton jedoch weiter. Gekennzeichnet sind derart zu spielende Töne durch eine regenschirmähnliches Zeichen.

 

LV (Let Vibrate)

Ein besonderer Effekt der ineinanderlaufenden Töne entsteht, wenn die angeschlagenen Glocken nicht nach ihrem Notenwert unmittelbar abgedämpft werden, sondern weiter klingen und sich dadurch klanglich überlagern. Dieser Effekt wird insbesondere dann eingesetzt, wenn Akkorde aufgesplittet und die einzelnen Töne nacheinander angeschlagen werden.

 

2. Techniken des Glockenmanagements

Eine der Herausforderungen des Handglockenspielens liegt darin, mit seinen 2 Händen mehr als 2 Glocken zu spielen und sie daher während des Stückes wechseln zu müssen. Für viele Glocken verantwortlich zu sein, erfordert neben hoher Konzentration auch eine erhebliche Geschicklichkeit. Der Einsatz solcher Techniken kann nötig werden, wenn ein Ensemble mit relativ wenig Spielern einen großen Tonumfang bewältigen will oder auch bei 'kleinen' Ensembles, also Quartetts, Trios, Duetten oder Solos, in der Regel mit ansteigendem Schwierigkeitsgrad.

Weaving

Mit der Weaving-Technik ("Weben") ist es einem einzigen Spieler möglich, Tonleitern, ein Solo oder auch innerhalb weniger Takte vier oder mehr Glocken zu spielen. Dabei legt immer eine Hand eine Glocke ab und nimmt die nächste auf, während die andere Hand eine Glocke anschlägt. Beides wechselt im Extremfall ständig ab, so dass keine Pause im Spiel entsteht. Der Glöckner bleibt nicht, wie sonst üblich, an einem Platz stehen, sondern bewegt sich entsprechend der zu spielenden Glocken den Tisch entlang. Wichtig ist einerseits, jede Glocke sauber anzuheben und in fast senkrechter Stellung anzuschlagen, damit sich der Ton waagerecht ausbreiten kann. Andererseits bleibt kaum Zeit, die Glocken weit vom Tisch hochzuheben, der Anschlag erfolgt sehr niedrig. Da oft blind zu den Glocken gegriffen werden muss, um die Noten in der Partitur zu verfolgen, gehört es zum A und O des Weaving, jede Glocke an ihren richtigen Platz zurückzulegen. Gedämpft wird nicht am Körper, sondern beim Ablegen auf dem Tisch.

 

Four-in-Hand-Technik (4iH)

Erfolgen die Glockenwechsel sehr schnell aufeinander, so kann der Melodiefluss bei unsauberem Weaven abreißen oder abgehackt wirken. Hier stößt sie Weave-Technik, je nach Könnensniveau der Spieler, bald an ihre Grenzen.
Bei kleineren Glocken können u.U. in jeder Hand je 2 Glocken im 90° Winkel gehalten werden. Je nach Drehung des Handgelenkes und Anschlagrichtung ertönt dann die eine oder andere der beiden Glocken. Die unten liegende Glocke wird durch die 'Knock'-Bewegung (Handrücken zeigt zum Spieler und Hand wird noch hinten weggekippt) angeschlagen, die obenauf liegende Glocke durch die 'Ring'-Bewegung, d.h. die Hand wird um 90° gedreht und steht somit in einer 'normalen' Spielstellung. Abgedämpft werden die Glocken je nach Situation am Körper oder am Tisch.

 

Travelng Four-in-Hand (T4iH)

Das 4-in-Hand-Spielen endet häufig damit, dass bei Glockenwechseln einfach das 4-in-Hand-Spiel aufgelöst wird oder die beiden Glocken gleichzeitig abgelegt und andere 2 Glocken aufgenommen werden. Es kann jedoch auch sinnvoll sein, eine Glocke, die zu einem späteren Zeitpunkt wieder gebraucht wird, konstant in der Hand zu halten und die 2. Glocke zu wechseln. Geschieht dieser Vorgang mehrmals hintereinander, so entsteht der Eindruck, als 'reise' die Glocke durch das Stück. Exzellente Solo-Spielerinnen wie z.B. Michèle Sharik nehmen solche Bewegungsabläufe in ihre Choreographie auf und erzielen neben den akustischen auch erstaunlich anmutige optische Effekte.

 

Six-in-Hand-Technik (6IH)

Diese Technik ist nur KönnerInnen vorbehalten. Die Griffe 3 Glocken, die in jeder Hand gehalten werden,werden ineinander verschachtelt. Dabei liegen die beiden äußeren Glocken in (paralleler) Shelly-Position, während die mittlere Glocke um 90° gedreht ist. Es erfordert langjährige Übung, die beiden äußeren Glocken dennoch durch eine kleine Nuance in der Bewegungsausführung unabhängig voneinander und mit reinem Ton anzuschlagen.

 

Shelly

Im Gegensatz zur 4-in-Hand-Stellung liegen die beiden Glocken so mit ihren Griffen aufeinander, dass sie beide durch eine einzige Bewegung gleichzeitig angeschlagen werden. Diese Technik wird eingesetzt,um Passagen zu oktavieren, d.h. mit einer Hand werden z.B. gleichzeitig G6 und das eine Oktave höhere G7 gespielt.


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