Change Ringing

 

"Die Kunst des Wechsel- oder Variationsläutens", schreibt Dorothy L. Sayers in ihrem Kriminalroman 'Der Glocken Schlag', "ist eine englische Besonderheit und, wie alle englischen Besonderheiten, der übrigen Welt unbegreiflich."

Sayers, Dorothy L.: Der Glocken Schlag (The nine tailors). 1934.



"Das englische Kunstläuten ist das Changeringing, das Wechsel- oder Variationsläuten. Hierzu werden die Glocken durch wiederholtes einseitiges Ziehen des Seiles immer höher geschwungen, bis die Glocke endlich auf dem Kopf im Gleichgewicht steht. (...) Dann ist die Glocke aufgeschwungen (rung up). Läßt man sie etwas über die Gleichgewichtslage hinaus fallen, so behält sie diese Stellung mittels einer Hemmung (stay and slider) und sitzt dann (set). Um in die Stellung auf einer der beiden Seiten der Hemmung zu gelangen, muss die Glocke bei jedem Seilzug ein wenig mehr als eine volle Umdrehung machen. Wird nun tatsächlich geläutet, so darf der Weg nur eine volle Umdrehung in die Gleichgewichtslage sein, wenn die Glocke schnell geläutet wird. Diese beiden Stellungen heißt man Handzug (handstroke) und Rückzug (backstroke). Sind alle Glocken in die Handzugstellung gebracht, so ist das Geläute läutefertig (in peal).

change ringing

 

 

Englische Glockenausrüstung:
A = Joch, B = Rad, C = Lagerbock, D = Halter,
E = Gleitstock, F = Klöppel, G = Rahmen, H = Rolle

 

 

 

Ist die Glocke im Handzug, so wird das dünne Seilende in der Krümmung des linken Daumens gehalten und die dicke Filzhandhabe (sally) wird mit beiden Händen gefasst. Beim Rückzug halten beide Hände das Seilende, und das lockere Seil ist um drei Viertel des Radumfanges gewunden. So kann das Läuten durch abwechselndes Ziehen der Glocke in die Handzug- und in die Rückzugstellung endlos fortgesetzt werden oder zum mindesten solange, als die Ausdauer des Läuter es gestattet. Ist die Glocke durch einen Zug aus ihrer Gleichgewichtsstellung gebracht, so unterstützt sie den Läuter durch ihr eigenes Gewicht und die Fliehkraft. Der Läuter hat nun dafür zu sorgen, dass die Glocke nicht von selbst fällt. Wendet er zu viel Kraft an, so schwingt die Glocke über die Gleichgewichtslage hinaus; es bricht der Halter und der Läuter wird mölicherweise zur Decke der Läutestube emporgezogen.

Die verschiedenen Läutearten hängen von der Zahl der Glocken und der bei dem Wechsel verfolgten Methode ab. Es sind möglich bei

3 Glocken: 1 * 2 * 3 = 6 Wechsel
4 Glocken: 1 * 2 * 3 * 4 = 24 Wechsel = Läuteart "Singles"
5 Glocken: 1 * 2 * 3 * 4 * 5 = 120 Wechsel = Läuteart "Doubles"
6 Glocken: 1 * 2 * 3 * 4 * 5 * 6 = 720 Wechsel = Läuteart "Minor"
7 Glocken: etc. = 5040 Wechsel = Läuteart "Triples"
8 Glocken: etc. = 40 320 Wechsel = Läuteart "Major"
9 Glocken: etc. = 362 880 Wechsel = Läuteart "Caters"
10 Glocken: etc. = 3 628 800 Wechsel = Läuteart "Royal"
11 Glocken: etc. = 39 916 800 Wechsel = Läuteart "Cinques"
12 Glocken: etc. = 479 110 600 Wechsel = Läuteart "Maximus"


Wiederholt man Doubles mit seinen 120 Wechseln 42mal oder ein Minor mit seinen 720 Wechseln 7mal, so erhält man jedes mal 5040 Wechsel. Zur reicheren Gestaltung kann man z.B. bei einer Wiederholung eine Glocke ausschalten und eine andere hinzunehmen.

Grundsätze des Wechselläutens:
Beim Wechselläuten hat jede Glocke ihren Platz. Drei Glocken werden in der angegebenen Reihenfolge geläutet. Bei den nachfolgenden Variationen rückt keine Glocke mehr als einen Platz aufwärts oder abwärts. Die Durchführung dieses Auf- und Abwärtsrückens, das man "Jagen" (hunting) heißt, wirkt sich bei drei Glocken aus wie folgt:
1 - 2 - 3
2 - 1 - 3
2 - 3 - 1
3 - 2 - 1
3 - 1 - 2
1 - 3 - 2
1 - 2 - 3

Das macht also sechs Variationen oder Wechsel. Jede Glocke hat hierbei zweimal die Führung, beim Handzug wie beim Rückzug.
Bei acht Glocken laufen die Variationen des "Kent Treble Bob Major" wie folgt:
1 - 2 - 3 - 4 - 5 - 6 - 7 - 8
2 - 1 - 3 - 4 - 6 - 5 - 8 - 7
1 - 2 - 4 - 3 - 5 - 6 - 7 - 8
2 - 1 - 4 - 3 - 6 - 5 - 8 - 7
2 - 4 - 1 - 6 - 3 - 8 - 5 - 7
4 - 2 - 6 - 1 - 8 - 3 - 7 - 5
4 - 2 - 1 - 6 - 3 - 8 - 5 - 7
2 - 4 - 6 - 1 - 8 - 3 - 7 - 5
2 - 6 - 4 - 8 - 1 - 7 - 3 - 5
6 - 2 - 8 - 4 - 7 - 1 - 5 - 3
usw.

Schon sehr früh bestanden in England Gilden von Glockenläutern. Die zu Westminster in London wurde von König Heinrich III. unter dem 6. März 1254 in einem Dokument anerkannt. Das Wechselläuten scheint aber erst um 1600 aufgekommen zu sein. Fabian Stedman, der "Vater des Wechselläutens", gab im Jahre 1668 seine "Tintinnologia or Art of ringing" heraus. Noch heute existieren solche Gilden, die in großen Verbänden zusammengeschlossen und zur gegenseitigen Hilfe gegründet sind. Das längste Läuten einer solchen Gilde in neuerer Zeit war das zu Appleton am 22. April 1922. Es dauerte 12 Stunden und 25 Minuten und wurde nach der "Stedman Caters-Weise" mit 21363 Wechseln geläutet: ein Gedächtnisläuten zu Ehren eines James Barham aus dieser Gemeinde, der sich beim Einspielen von 112 Glockenspielen beteiligt hatte. Sein großtes Spiel war das am 7. und 8. April 1761, wo 42430 Wechsel in 27 Stunden erklangen."

Aus: Ellerhorst, W., 1957: Handbuch der Glockenkunde - die akustischen, technischen und künstlerischen Grundlagen sowie die Geschichte und Pflege der Glocken, Weingarten, S. 157f.




Am Ende des Romans 'Der Glocken Schlag' von Dorothy L. Sayers erlätert Otto Bayer in seiner 'Campanologie für Uneingeweihte' das Changeringing folgendermaßen:
"Ein Geläute (ring of bells) - nicht zu verwechseln mit einem Glockenspiel - besteht aus mehreren fein aufeinander abgestimmten Glocken, die man vor dem eigentlichen Läuten aufschwingt (to ring up), das heißt, man läßt sie immer höher schwingen, bis sie auf dem Kopf stehen. Der Glöckner kann nun mit geringem Kraftaufwand seine Glocke immer wieder aus dieser Gleichgewichtslage holen und eine volle Drehung vollführen lassen, wobei er nur aufpassen muss, dass er die Glocke nicht überschlägt (to overthrow) - das gäbe erheblichen Sachschaden, und wehe dem Glöckner selbst, wenn er das Seil nicht schnell genug losließe! (...)
Ein Läuten mit über 5000 Wechseln ist ein Zyklus (peal), mit weniger als 5000 Wechseln ein Satz (touch). Ein Durchgang (course) ist der Abschnitt, in dem jeweils eine Glocke die Leitglocke ist, nach der sich die andern richten.
Es läßt sich denken, dass man die vielen Wechsel eines Satzes oder Zyklus nur fehlerfrei druchläuten kann, wenn man einem System folgt, und immer wieder haben mathematisch begabte Campanologen sich darangemacht, solche Systeme zu erarbeiten. Sie tragen klingende Namen wie Treble Bob, Grandsire und Stedman. In diesen Systemen wird genau vorgeschrieben, wann welche Glocke in Führung (lead) geht, in die Jagd (hunt) gerufen wird, eine andere Glocke schneidet oder überholt, einen Seitensprung macht, hineingeht oder herauskommt, recht-, fehl- oder heimgeschickt wird. In Lehrbüchern kann man nachlesen, was ein Scherschritt (bob) oder Kreuzschritt (single) ist bzw. was man unter Langsamem Werken (slow work) und Schnellem Werken (quick work) zu verstehen hat. Der Leser möge hier allerdings nicht nach dem Sinn dieser Bezeichnungen fragen; das Studium der Campanologie erfordert Jahre. (...)
Übrigens: Mindestens einmal in neuerer Zeit hat eine achtköpfige Glöcknermannschaft einen Zyklus Bob Major mit sämtlichen 40320 Wechseln pausenlos und fehlerfrei durchgeläutet. Sie brauchte dafür 17 Stunden, 58 Minuten und 30 Sekunden. Über solche Rekorde führt die Campanological Society of Great Britain getreulich Buch, und Schiedsrichter wachen darüber, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Oh sportliches England!"

Otto Bayer, in: Sayers, Dorothy L., Der Glocken Schlag.

 

Powered by CMSimple | Template Design by NMuD | FotoBox-Plugin by ge-webdesign | Login